• hilgersivana

Geduld - die unterschätzte Tugend

Mit zwei Fragen an Dich selbst sowie drei spannenden Quellen zum Vertiefen

Kürzlich fuhr ich durch den Karawankentunnel. Ich befand mich auf der Rückreise von einem Familienurlaub in Kroatien, wo ich geboren und aufgewachsen bin und wo meine Mutter und meine Geschwister heute noch alle leben. Es ist also eine Strecke, die ich regelmäßig fahre und versuche zur Haupturlaubszeit zu vermeiden.


Für alle, die es nicht kennen, der Krawankentunnel liegt zwischen Österreich und Slowenien, ist 8 km lang und zur Hauptsaison ein Nadelöhr, denn für jede Fahrtrichtung gibt es nur eine Fahrbahn. Auf der Hinreise war es die Stelle, an der ich 1,5 Stunden im Stau verbracht habe.


Auf dem Rückweg fuhr ich ziemlich zügig durch den Tunnel, und beim Rausfahren sah ich die Blechlawine, die sich von der österreichischen Seite kommend gestaut hatte. Der erste Gedanke war – Gott sei Dank es ist nicht deine Richtung. Seltsam, trotz des Fahrkomforts, den wir heute in unseren Fahrzeugen haben - Klimaanlage, gemütliche Sitze und Entertainment jeglicher Art bis hin zu unserer Lieblingsserie - ist die Geduld bzw. in diesem Fall die Ungeduld gleichermaßen groß, wie vor vielen Jahren, als ich als Kind mit meinen Eltern verreist bin.



An der Stelle zwei Fragen für Dich:

1. Auf einer Skala von 1 bis 10, wie geduldig bist Du? (1 = sehr ungeduldig, 10 = die Ruhe selbst, hab alle Zeit der Welt und bleibe entspannt)


2. Wie positiv oder negativ ist die Geduld bei Dir belegt?


Quelle: Google ;-)


Das altertümliche Wort für Geduld ist Langmut und bringt eine eindeutige Tugend zum Ausdruck. Warum ist es wichtig, geduldig zu sein, wo wir über Jahrzehnte zur Vorbereitung auf Vorstellungsgespräche gelernt haben, dass Ungeduld eine „versteckte“ Stärke sei?



Der Marshmallow-Test und sein Nachspiel


Die Wissenschaftler sind sich einig, dass die Geduld mit Erfolg und Gesundheit eng verbunden ist. In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde an der Standford University ein Experiment unter dem Namen Marshmallow-Test durchgeführt. Dieser Test bestand darin, dass Vorschulkindern die verlockende Süßigkeit ihrer Wahl angeboten wurde. Diese konnten sie sofort essen oder sich 15 Minuten lang gedulden und zur Belohnung zwei Süßigkeiten zu erhalten.

Manche Kinder konnten der Versuchung nicht widerstehen und aßen die Süßigkeit unterhalb der 15 Minuten Wartezeit, die anderen schnupperten daran, schauten sie sich an, bohrten in der Nase herum, spielten mit den eigenen Zehen und erhielten die versprochene Belohnung.


Jahre später führte Walter Mischel, Professor an der Stanford University, mit den Experimentteilnehmern Folgestudien durch und kam zu dem Ergebnis, dass die „high delayer“, wie er die Geduldigen nannte, eine bessere Konzentrationsfähigkeit, bessere Schulnoten, höhere Stresstoleranz hatten. Sie erzielten bessere Werte bei Intelligenztests und waren selbstbewusster. Mehr als 40 Jahre lang verfolgten die Forscher die Versuchsteilnehmer und kamen zum Ergebnis: Die Geduldigen schnitten in allen Bereichen besser ab und waren erfolgreicher.



"Opfer unserer DNA"?

Lauter Walter Mischel müssen jedoch „keine Opfer unserer DNA bleiben“. Wir können die Selbstkontrolle lernen und entwickeln. Im Rahmen seiner Studien schaffte es ein Mädchen nicht länger als wenige Sekunden, bis sie ihre Süßigkeit aß. So bekam sie den Tipp, sich ihre Plätzchen als ein eingerahmtes Bild vorzustellen. So schaffte sie es unmittelbar, die vollen 15 Minuten zu warten.


In einem Interview in der Sendung SRF Kultur betont Walter Mischel, dass statistische Korrelation nicht unbedingt Kausalität bedeutet. Dennoch ist die Kernaussage des Versuchs interessant: Die Fähigkeit zum Impulsaufschub und Erlangen der Selbstkontrolle eröffnet neue Wahlmöglichkeiten und somit die Fähigkeit, ein Zukunftsbild bzw. das längerfristige Ziel lebendig vor unserem Auge zu halten.

Also: Solltest Du in den nächsten Tagen auf dem Weg in den Urlaub im Stau stehen, sei Dir sicher, der Strand und die Liege sind auch später noch da. Viel wichtiger ist es, auch die Zeit, die uns an unbequemen Orten zur Verfügung steht, zu nutzen.


Ivana Hilgers



Quellen:

  • Recrunauten auf Facebook

©2020 Recrunauten