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Resilienz - wichtige Kompetenz für die Zukunft

Interview mit René Demin, Personalleiter von Jochen Schweizer mydays sowie Gründer von sysSport-Coaching

Ivana: Lieber René, herzlichen Dank für die Bereitschaft und Zeit, Deine Gedanken zum Thema Resilienz mit unseren LernSnack-Lesern zu teilen. Resilienz ist seit einiger Zeit schon ein Thema in der Arbeitswelt, das Jahr 2020 hebt das Ganze auf eine völlig neue Ebene. Ich freue mich sehr über Deine Zusage, denn ich kann mir für dieses Thema keinen besseren Gesprächspartner vorstellen. Ich erkläre kurz warum, dann möchte ich Dich bitten, sich vorzustellen.


Du bist verheiratet und Vater von drei Kindern, Du arbeitest als Personalleiter in einem digital und stark dynamisch geprägten Umfeld, parallel führst Du ein eigenes Unternehmen. Für mich stellt sich die Frage, wie schafft man es, das alles unter einen Hut zu bringen?

Ivana: Bevor wir zu diesem Thema übergehen, stell Dich bitte mit eigenen Worten vor.

René: Liebe Ivana, vielen lieben Dank, für das Interview und dass ich ein Teil sein darf bei Eurem Lern-Snack. Freut mich sehr.


Dein Intro war schon sehr treffend – ich bin 43, eigentlich Münchner, und lebe mit meiner Frau und meinen drei Kindern zwischen 9 und 17 an der österreichischen Grenze im Inntal. Ich bin jetzt seit bald 25 Jahren im HR unterwegs in verschiedenen Rollen – gestartet habe ich mal als Werkstudent in der Payroll und die letzten Jahre war ich als Personalleiter in verschiedenen Firmen tätig. Schwerpunkt war immer die Neuausrichtung von bestehenden Personalorganisationen mit Fokussierung auf Kultur- und Leadership-Entwicklung.


Nebenberuflich bin ich als Coach und Trainer tätig. Hier begleitet mich sehr stark das Thema Persönlichkeitsentwicklung. Zielgruppe sind von Jugendlichen bis hin zu Führungskräften und Teams. Eine meiner Coaching-Methoden ist der Einsatz von Sport. Sport zeigt sehr schön die Stärken unserer Persönlichkeit. So werden Lern-, Kommunikations- und Stressmuster sichtbar, begreifbar und entwickelbar.

Ich greife meine Frage von vorhin wieder auf und vielleicht kannst Du kurz erklären, wie schaffst Du es, das alles unter einen Hut zu bringen?

Hm - das ist eine Frage, die mir zwar in der Tat öfter mal gestellt wird, ich aber eigentlich gar keine richtige Antwort haben. Ich priorisiere sehr stark, was, wie und in welchem Detailgrad ich etwas vorbereite und ausarbeite.


Ein Beispiel: Beim Lernen von neuen Theorien und Modellen bin ich sehr fokussiert und gehe wirklich ins Detail. Da möchte ich alles verstehen und ergründen. Die Zeit lohnt sich, weil ich im Bedarfsfall - wenn ich zum Beispiel einen Workshop oder ein Training leite – mich schneller auf die Bedürfnisse der Gruppe einstellen kann, ohne das Konzept zu verändern. Ich versuche die für mich nachhaltigen Dinge so aufzusetzen, dass sie langfristig Arbeit und Zeit sparen. Ich kann daher auch im konkreten Tun oft sehr gut mit 80%-Lösungen arbeiten und leben, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.


Ein weiterer Punkt, ich bin im positiven Wortsinn ein Freund vom Delegieren. Meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bekommen von mir immer sehr viel Verantwortung. Und ich kann sehr gut damit leben, wenn sie es anders machen, als ich es getan hätte. Wenn sie Fehler machen, Umwege gehen oder überraschende Wendungen einschlagen, bereichert das sie und mich auch.


Ein letzter Punkt ist: Wir haben schon seit einigen Jahren keinen Fernseher mehr. Der Sattelitenreceiver war irgendwann defekt und wir konnten uns nicht aufraffen, das zu beheben. Wir schauen daher keine Serien und haben kein Netflix. Wir konsumieren sehr wenig in diese Richtung und vermissen es auch nicht. Im Gegenteil, wir haben das Gefühl dadurch wird uns viel Zeit geschenkt.

Wie sieht Deine übliche Arbeitswoche aus?

Ich beziehe mich mal auf die Vor-Corona-Zeit. Seit Covid 19 ist der Tagesablauf irgendwie breiiger geworden- privat und beruflich verschwimmen zeitlich und räumlich immer mehr.

Direkt nach dem Aufstehen mach ich in der Regel ein paar körperliche Übungen, so ca. 20 Minuten. Das ist mir und meiner Frau ein wichtiges Ritual geworden.


Meine Frau verlässt früh das Haus, und ich schaue, dass alle Kinder in der richtigen Reihenfolge, mit dem richtigen Equipment das Haus verlassen. Dann fahr ich nach München zu Jochen Schweizer mydays.


Zu 90% besteht mein Arbeitstag aus Gesprächen. Einzelgespräche, Team- oder Managementrunden, in denen ich die Themen vor- oder nachbespreche, die wichtig sind. Das klappt deshalb so gut, weil ich es bisher in jeder meiner Führungspositionen geschafft habe, mich nach einer gewissen Zeit von allen direkten operativen Aufgaben zu befreien. Ich habe ein Team und arbeite in einer Firma mit viel Veränderung und Wechsel. Das direkte Gespräch mit meinen Mitarbeitern oder Führungskräften ist erfolgsentscheidend, um die Dinge so zu steuern, wie sie sein sollen.


Ich arbeite in Teilzeit, deshalb endet am Nachmittag mein „Hauptjob“. Anschließend habe ich in der Regel entweder Kundentermine oder ich bereite einen Workshop oder ein Training vor.


Außerdem mache ich in der Regel abends Sport – meistens gehe ich Boxen. Auch das ist ein Ritual, das ich selten ausfallen lasse. Das gibt mir Kraft und stärkt den Fokus.


Einige Male im Monat bin ich auch ganztägig in Kundenprojekten als Coach/Trainer. Dann ist Jonglieren angesagt, damit sich die haupt- und nebenberuflichen Bedürfnisse nicht in die Haare bekommen. Das klappt ganz gut – zum einen habe ich einen verständnisvollen Chef, der mir sehr viele Freiräume lässt. Auf der anderen Seite bin ich hochgradig engagiert, damit in keiner der Arbeitswelten etwas anbrennt oder zulange liegen bleibt.

Welche der vielen Aufgaben machst Du am liebsten – was gibt Dir und was nimmt Dir Energie?

Ich kann das gar nicht beantworten- weil es bei mir wirklich die Mischung macht. Meine Frau halt letztens zu mir gesagt, dass ich – seitdem ich eben die beiden Standbeine mit vielen Themen habe – das erste Mal seit unserer 20-jährigen Ehe nicht suchend und rastlos wirke. Ich liebe das Gespräch mit Menschen und Workshops oder Trainings zu leiten. Das sind schon echte Energiemomente. Aber hin und wieder schätze ich auch die Einsamkeit, wenn man sich in ein Konzept vertieft oder etwas ausarbeitet. Nur das eine oder das andere würde mich zu viel Kraft kosten. Auftanken, den Kopf beruhigen und sich wieder neu ausrichten mache ich beim Sport.

Was sind das für Momente, wo du denkst – jetzt reicht es mir! Und wie gehst du in solchen Situationen um?

Die gibt es natürlich auch. Privat nennen das meine Kinder, Papas „Aufräumlaune“. Meine Frau und ich sind nicht wirklich „best practise“ was Haushalt angeht. Wir schieben gerne alles auf den Sonntag und dann kommt es natürlich zu Friktionen. 😊 Nichts so, sondern so, wie ich es gerne hätte. Unsere Kinder sind nicht gerade zurückhaltend und wortkarg – so kommen wir schnell in hitzige Diskussionen.


Beruflich sind es die Momente – diese Tage gibt es immer wieder mal – an denen man das Gefühl hat, dass nichts so läuft, wie man es möchte. Führungskräfte halten sich nicht an wichtige Vereinbarungen, mein Chef hat spontan und zeitkritisch Anliegen, von denen ich denke, dass er sie schon früher hätte platzieren können. Mitarbeiter verfolgend eigene Pläne, die nicht mit meinen konform sind. Obendrauf ruft ein Kunde an und möchte alles GANZ anders haben als eigentlich vereinbart und bereits ausgearbeitet wurde. Da könnte ich schon manchmal in die Tischkante beißen.

Mir hilft es dann immer, wenn ich auf Distanz gehe: Als Kampfsportler weiß ich, um wieviel ruhiger und übersichtlicher das Geschehen wird, wenn man Distanz herstellt. Energie und Dynamik verlieren sich etwas, aber dafür bekommt man Überblick und Zeit. Mir hilft der Gedanke.


Was mir auch hilft: Wir hatten kurz vor der Geburt meiner ersten Tochter eine unheimlich belastende, kritische und beängstigende Phase und wir sind alle mit einem blauen Auge aus der Sache herausgekommen. Seit dieser Zeit fällt es mir deutlich leichter, eine gewisse innere Demut und Dankbarkeit zu erzeugen. Alles, was mich im akuten Moment so belastet, wird klein und unbedeutend im Rückblick auf die damalige Zeit. Ich Halte Demut und Dankbarkeit für den Schlüssel zur Gelassenheit und Zufriedenheit.

Was verstehst Du unter Resilienz?

Resilienz ist für mich nichts Passives, was ich auf Seminaren oder aus den Büchern lerne. Ich habe auch kein Bild von einem inneren Kern, den man entdecken muss.


Für mich heißt Resilienz, dass ich – wie oben beschrieben – das inhaltliche Spielen und Steuern von Nähe und Distanz beherrsche.


Nah an den Dingen zu sein, die ich bewegen und verändern kann. Wo ich wirksam und erfolgreich sein kann. Nähe bringt Emotionen mit sich. Sehr viele schöne und positive, aber auch negative Gefühle. Konflikte und Konfrontationen, die es zu führen, zu gestalten und auszuhalten gilt. Es gibt auch direkte Treffer und Angriffe, die ich ebenso aushalten muss. Damit meine ich z.B. belastende Gespräche und auch mal persönliche Angriffe oder Niederlagen, im Job und im Privaten.

Der Gegenspieler ist die Distanz, in der man sich alles etwas ferner anschaut, in der man auch etwas geschehen und laufen lassen kann. Distanz ist nichts Passives: Zum einen muss man aufpassen, dass die Distanz stimmt, und ich weder zu nahe noch zu weit bin. Dazu gehört gutes Beobachten und schnelles Reagieren. Fokussieren auf den Anderen und die Umwelt. Die Kunst ist es – und das ist für mich meine persönliche Definition von Resilienz – immer besser zu erkennen, welcher Grad an Nähe oder Distanz in dem Moment, für die Situation, das Thema, den Menschen gegenüber oder für mich selbst gerade wichtig, richtig und nötig ist, um sich selbst so zu steuern und diese Nähe bzw. Distanz herzustellen.

Achtest du bei der Gestaltung Deiner Zeit bewusst darauf auch Zeiten oder Räume zu haben, um bewusst die Energie wieder zu tanken?

Ja. Ich halte nichts davon, Wichtiges zu machen „Wenn ich mal Zeit habe“. Wir haben nie Zeit, die einfach übrig ist. Wenn dir was wichtig ist, musst du dir die Zeit einräumen und dann andere Dinge, auch persönlichen Ansprüche hinten anstellen. Ich habe viel mit Menschen zu tun, privat und beruflich. Deshalb brauche ich auch immer wieder Zeiten, in denen ich ganz allein mit mir selbst bin. Das ist wie gesagt zum Beispiel meine Morgengymnastik oder der Sport am Abend.

Welche Bedeutung nimmt Resilienz als Kompetenz an, und was ist Deine Einschätzung diesbezüglich für die Zukunft?

Ich bin überzeugt, dass Resilienz schon immer wichtig war und weiterhin sehr wichtig sein wird. Ich glaube aber auch, dass es für Menschen zunehmend schwieriger wird, diese bewusst zu entwickeln.


Die Medien und der Mainstream gaukeln uns eine Welt vor, in der wir alles immer so bekommen, wie wir es uns wünschen. Partner werden in Tinder konfiguriert, Kinder sollen am besten so „performen“ und den Lifestyle der Eltern möglichst wenig berühren. Immer mehr Menschen leben alleine, weil sie keine Kompromisse eingehen wollen. Produkte und Dienstleistungen müssen immer maßgeschneiderter werden und die Illusion von persönlicher Individualisierung vorgaukeln.


Die Idee von Tiefs, die nach den Hochs kommen, die Idee von Rückschlägen, von Scheitern und Verlust als ganz normale Bestandteile von Gemeinschaft und Leben allgemein, sind nicht mehr vorhanden. Ein gutes Leben scheint für viele wie ein nicht endender Sommer zu sein. Aber der Sommer ist nur so schön, weil es eben auch andere Jahreszeiten gibt. Wer das nicht wirklich verinnerlicht und auch die etwas dunkleren Aspekte des Lebens als Bestandteil und als Wirklichkeit begreift, tut sich schwer Widerstandsfähigkeit zu entwickeln.

Was würdest du dem 25jährigen René empfehlen, was ist zu tun, um in einer guten Balance und Stärke zu bleiben?

Im Grunde hat sich der 25jährige René ganz gut geschlagen und ganz gut angestellt. Ich würde ihm nichts raten. Alles, was ich seitdem erlebt habe, möchte ich nicht missen. Selbst die schwierigen Momente. Alles an Erfahrung hat mich geprägt und hat mir in meiner persönlichen Reifung geholfen. Wie gesagt: selbst die für mich belastendste Phase hat mir geholfen, jetzt besser dankbar zu sein und mich in Demut zu üben.


Ich würde nicht einmal zu mehr Gelassenheit raten. Ein 25-Jähriger muss nicht gelassen sein. Das darf man dann mit Anfang 40 😊.


Herzlichen Dank für Deine Zeit und den wertvollen Input.

Bei Fragen an René wende Dich gerne direkt über seinen LinkedIn- oder Xing-Account an ihn.


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